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Auch auf Dächern kann es blühen. Ob flach oder steil, auf den Dächern steckt noch viel Potential für verschiedene Nutzungen. Die strategische Entscheidung für die Bereitstellung von mehr erneuerbaren Energien hat die Dächer als nutzbare Fläche wieder mehr in den Fokus gerückt. Doch können Dächer noch viel mehr als Photovoltaikanlagen Platz machen. Sie sind wie eine weitere Etage und bieten Raum für Garten und Erholung, aber auch Ausgleich für Insekten und Vögel, deren Lebensraum am Boden durch Bauten verloren gehen. Begrünte Dächer können bis zu 50 Liter Niederschlagswasser pro Quadratmeter aufnehmen und in versiegelten Bereichen erheblich zum Hochwasserschutz beitragen. Sie verbessern das lokale Klima und binden Feinstaub aus der Umgebung.

1) Welche Dächer sind begrünbar?

Normgerecht begrünt werden können Dächer mit Neigungen von 2 % (1,15°) bis 58 % (30° = Steildach), wobei ab 26 % (~ 15°) Neigung die gesamte Bauwerksbegrünung gegen Abrutschen zu sichern ist. In Vorarlberg gibt es über 11 Quadratkilometer Dachfläche mit einer Neigung unter 15°, das sind umgerechnet 1667 Fußballfelder (Landesamt für Vermessung und Geoinformation, 2017). Ein Großteil dieser Flächen wäre vermutlich begrünbar.

2) Können auch Leichtbaudächer begrünt werden?

Ja. Bei der Tramhalle Basel kam man auf gerade einmal 100kg Traglast. Hier wurde ein Zweischichtaufbau mit Chinaschilf unten und Erdsubstrat darüber gewählt. Bei einem Rinderstall (Asphof, Rothenfluh) in der Nähe von Basel konnte dieser leichte Aufbau auf ein Metalltrapezblechdach, das über Falz gesteuert ist, aufgetragen werden. Hier gibt es keine Abdichtung und der Stall ist wunderbar in die Landschaft eingepasst und führt zu kühleren Temperaturen im Sommer in den Stallräumen.

3) Was ist der Unterschied zwischen einer intensiven und einer extensiven Begrünung?

  • Intensivbegrünung: Auf diesen Dächern kann alles passieren, sie sind stark belastbar, es können Bäume oder ganze Naturgärten entstehen. Viele Tiefgaragen haben ein sogenannten Intensivdach mit einem Park, Spielplatz oder Autostellplätzen auf ihrem Dach. Die Ansprüche an Statik, Aufbau, Planung und auch Pflege sind recht hoch, gleichzeitig gewinnt man einen weiteren Raum auf dem Gebäude. Die ÖNORM unterscheidet hier noch in die reduzierten Intensivbegrünungen, ein weniger intensiv begrüntes Dach, mit einem geringeren Vegetationstragschicht und Belastbarkeit.
  • Extensivbegrünung: Zu den Extensivbegrünungen zählen die bekannten Sedum und Moos-Dächer (in der ÖNORM Reduzierte Extensivbegrünung). Sie bieten nur wenigen Pflanzen einen Lebensraum und haben eine geringere Wasserrückhaltekraft. Mit einer etwas höheren Vegetationstrageschicht (12-15 cm) kann man aber auch auf einem Extensiv-Dach einen vielfältigen und funktionsreichen Lebensraum schaffen. Magere Wiesen und Rasen können hier blühen, sich entwickeln und erhalten sich weitestgehend selbst. Die Ansprüche an Statik, Aufbau, Planung und Pflege sind deutlich geringer. So ziemlich jedes Kiesdach könnte auch Extensivbegrünung erhalten.

4) Welche Wartungs- und Pflegeeinsätze fallen an?

Bei extensiven Begrünungen mit steppenähnlicher Vegetation reichen zwei Begehungen pro Jahr, um Gehölze, Schilf und invasive Neophyten zu entnehmen und die Dachabläufe zu kontrollieren. Stellen mit erhöhtem Substrat und üppigerem Bewuchs sollen einmal jährlich zur Hälfte geschnitten werden, damit sie nicht verfilzen.

5) Welchen Nutzen hat eine Dachbegrünung?

Rückhalt von Niederschlagswasser
Je nach Bauart halten Gründächer zwischen 50-90 % der Niederschlagsmengen zurück. Ein Großteil davon verdunstet, der Rest fließt zeitverzögert ab. Dieser verzögerte Regenwasserabfluss führt zu einer Entlastung der Kanalisation, insbesondere bei Starkregenereignissen.

Verbesserung des Mikroklimas
Das im Aufbau einer Dachbegrünung und in den Pflanzen gespeicherte Wasser verdunstet auf natürliche Weise. Die kühlende Wirkung der Transpiration wirkt sich positiv auf die Luftfeuchtigkeit aus und sorgt für ein angenehmes „Kleinklima“. Bei Sonneneinstrahlung wird durch die begrünten Dachflächen zusätzlich die Reflektionshitze reduziert und weniger Wärme an die Umgebung abgegeben.

Filterung von Luftschadstoffen
Gründächer haben eine starke Puffer- und Reinigungsleistung. Das Substrat dient als Schadstofffilter und reinigt das ablaufende Niederschlagswasser. Durch die natürliche Verdunstung und die damit verbundene Erhöhung der Luftfeuchtigkeit werden in der Pflanzendecke vermehrt Schadstoffe wie z.B. Feinstaub gebunden und eine Verbesserung der Luftqualität erzielt.

Erholungs- und Gestaltungsraum
Begehbare, begrünte Dächer stellen nicht nur zusätzliche nutzbare Freiflächen im Siedlungsraum dar, sondern werten das Wohn- oder Arbeitsumfeld durch ihre vielfältigen Nutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten als Dachterrasse und Terrassengarten oder als attraktiven Pausenraum für die Arbeitnehmer eines Betriebes auf.

Energieeinsparung
Gründächer übernehmen eine zusätzliche Isolationsfunktion und wirken sich positiv auf die darunter liegenden Wohnräume aus: Bei starker Sonneneinstrahlung im Sommer reduziert sich die Erwärmung der darunter liegenden Zimmer. Im Winter verbessert sich die Wärmedämmung, wodurch sich zudem die Heizungskosten senken lassen.

Gebäudeerhaltung
Eine Dachoberfläche ist im Jahresverlauf extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt. Die Transpirationsleistung der Pflanzen reduziert die Aufheizung oder Abkühlung um bis zu 40 % und schützt ein Flachdach dadurch vor umwelt- und witterungsbedingten sowie mechanischen Einflüssen. Dadurch verlängert sich die Lebensdauer einer Dachabdeckung wesentlich.

Ersatzlebensraum
Naturnah gestaltete Dächer geben der Tier- und Pflanzenwelt ein Stück Lebensraum zurück. Trittempfindliche Pflanzen, Insekten wie Wildbienen und Schmetterlinge und mitunter auch bodenbrütende Vögel besiedeln diese begrünten Oasen mitten im Siedlungsraum.

Ausgleich für überbaute Flächen
Begrünte Dächer können die durch Bebauung verloren gegangene Grünfläche teilweise kompensieren. Durch eine naturnahe Gestaltung mit heimischen Arten wird für die Natur ein neuer und vor allem ökologisch wertvoller Platz geschaffen.

Beitrag zum Klimaschutz
Auf Gründächern wird durch die Photosynthese der Pflanzen CO2 gebunden. Die Vegetationsdecke reduziert zudem die Reflektionswärme und trägt zu einem Kühlungseffekt in der Umgebung bei.

6) Was ist eigentlich ein Biodiversitätsdach?

Auf Dächern können ganze Lebensräume für Tiere und Pflanzen entstehen, sozusagen als Ersatz für den überbauten und versiegelten Boden durch das Gebäude. Auch wenn der unverbaute und naturnahe Boden ungleich mehr Lebensraum bietet, kann ein Dach ein ökologisch wertvoller Ersatzlebensraum werden.

  • Modellierung des Substrates: Umso höher das Substrat, desto eher kann sich ein Bodenleben einfinden, aber auch Pflanzen finden mehr Nährstoffe und verfügbares Wasser. Durch Modellierungen und Substraterhöhungen (bis mindestens 30 cm) an statisch geeigneten Stellen, entstehen so natürliche Nischen auf dem Dach.
  • Wildpflanzen-Saatgut: Je nach Begrünungsart (extensiv oder intensiv), sollte die passende Zielvegetation angestrebt werden. Auf extensiven Dächern entwickeln sich eher Trockenrasen, hier sollte bei der Auswahl des Saatguts auf standortgerechtes und zertifiziertes artenreichem Wildblumensaatgut geachtet werden. Die meisten Anbieter von regionalen Wildblumen – Saatgut bietet spezielles Saatgut für Dächer an. Auf Intensivdächern können von Naturschutzwiesen (Mähgutübertragung) bis hin zu Saum- und Strauchgesellschaften mit heimischen Arten entstehen. Regionale Wildpflanzen bieten Insekten und Vögeln eine gute Futterquelle.
  • Biotop- und Totholz: Äste und Baumstämme von abgestorbenen bzw. auf dem Grundstück gerodeten Bäumen können ein wertvoller Lebensraum für viele Insekten sein. Gleichzeitig bieten sie Schatten auf dem sonst sehr sonnenexponiertem Dach. Vögel nutzen diese Plätze gerne als Sing- oder Aussichtswarte.
  • Sandige, kiesige oder Wasser-Bereiche: Viele Tiere brauchen einen vegetationsfreien Boden, nisten in Sandlinsen oder zwischen Steinen. Solche kleinen Sonneninseln zwischen einer artenreichen Vegetation bringt ergänzt das Angebot für Tiere. Kleine Wassermulden (Folien oder Tränke) fangen zudem Regenwasser auf und bieten eine temporäre Tränke.

7) Inwiefern können Dächer wirklich Ersatzlebensräume für Tiere sein?

Am Dach der neu erbauten Europaallee in Zürich wurden Ersatzlebensräume für die Blauflügelige Sandschrecke geschaffen – als Ausgleich für den verlorengegangenen Lebensraum Geleise. Die Besiedelung ist gut und es wurden auch Larven hier gefunden, was auf eine gute Reproduktion und die Annahme des Daches als Dauerlebensraum hindeutet (Monitoring durch die ZHAW). Auf anderen steppenartig begrünten Dächern brüteten Kiebitze, da hier keine Bodenprädatoren den Bruterfolg schmälern bzw. zunichte machen. Durch die geringen Nahrungsreserven auf den Dächern (meist mit geringer Substratdicke ausgestattet) und fehlenden Abgrenzungen an Dachkanten verhungern/verunfallen junge Kiebitze oft. Kleine Verbesserungen (mehr Substrat und dadurch „fettere“ Vegetation, die Insekten auf die Dächer bringen – Vielfalt an Standorten mit hoch- und niedrigwüchsiger Vegetation und Erhöhung der Dachkanten z.B. durch Baumstämme) können die Überlebenschance der jungen Kiebitze stark erhöhen.

8) Wie groß ist die Retentionsleistung von Dachbegrünungen?

Dachbegrünungen können Starkregenereignisse sehr gut abpuffern. Die Rückhaltleistung kann je nach Ausführung zwischen 30-90 % betragen.

9) Lassen sich Gründächer und PV-Anlagen kombinieren?

Ja, PV-Anlage und Begrünung lassen sich auf dem Dach gewinnbringend kombinieren - sowohl für die Energiegewinnung als auch die Biodiversität. In den beschatteten feuchteren Bereichen unter den Paneelen können sich andere Pflanzen- und Tierarten ansiedeln als auf den vollsonnigen Flächen. Die Abkühlung der Paneele, welche durch die Verdunstung des gespeicherten Regenwassers auf der grünen Oberfläche stattfindet, steigert wiederum die Stromproduktion. Um einer möglichen Beschattung der Paneele durch die Vegetation vorzubeugen, müssen vor der Errichtung einige Dinge beachtet werden:

  • Systeme mit Unterkonstruktionen, welche mit geringem Aufwand Pflegearbeiten an der Pflanze ermöglichen
  • Substratschicht im Bereich der Solaranlage auf ca. 7 cm reduzieren, bei Abständen > 80 cm zwischen den Paneelen reicht es die Bereiche bis 50 cm vor den Paneelen auf eine Substratdicke von 7 cm zu reduzieren
  • Ansaat mit niedrigwüchsigen Pflanzen

Mehr dazu können Sie hier nachlesen.

Literatur und Links

  • Brenneisen, S. (2003): Naturschutz auf dem Dach, In: Garten- Garten und Landschaftsbau g’plus. Download
  • Pfoser, N., Jenner N., Heinrich J., Heusinger J., Weber S. (2013): Gebäude Begrünung Energie: Potenziale und Wechselwirkungen, Forschungsbericht. Technische Universität Darmstadt (Hrsg.). Download
  • Verband für Bauwerksbegrünung (2014): Leitfaden Grüne Bauweisen für Städte der Zukunft. Optimierung des Wasser- und Lufthaushalts urbaner Räume mittels Gründächern, Grünfassaden und versickerungsfähigen Oberflächenbefestigungen. Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt GrünStadtKlima. Download
  • Willi, E. Brenneisen S. (?): Pflanzen für die extensive Dachbegrünungen, Forschungsgruppe Stadtökologie Geografisches Institut der Universität Basel. Download
  • Zollinger, C. (2013): Haben Orchideen-Dächer eine Zukunft? Download
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